Ein Monat im neuen Leben

Fast einen Monat bin ich jetzt schon hier in Kolumbien und irgendwie kann ich es noch gar nicht so richtig glauben. Auf der einen Seite kommt es mir so vor, als hätte ich erst gestern Deutschland verlassen, auf der anderen Seite fühle ich mich mittlerweile hier in Buga schon so heimisch, dass ich auch schon ein halbes Jahr hier sein könnte. 

Momentan bin ich auch die einzige Deutsche hier in der 100 Tausend Einwohner Stadt Buga, da Martina und Henning sich wieder im kalten Deutschland befinden und Jana erst in einer guten Woche hier ankommt. Ich bin sehr froh, dass ich noch relativ viel Zeit mit meinen Vorfreiwilligen und besonders Henning hatte, denn das hat mir den Einstieg hier und das Leben enorm erleichtert und außerdem gab es immer was zu Lachen. Mittlerweile ist es auch für mich schon fast zur Gewohnheit geworden, die 60 km mit dem Bus nach Cali vorbei an Zuckerrohrplantagen und durch das Großstadtchaos zu fahren und auch diese Stadt selbst schreckt mich jetzt nicht mehr so stark ab, wie am Anfang. Obwohl es doch schon teilweise ungewohnt ist, vom terminal in Cali (dem Busbahnhof) einfach mit einem Jeep ins Zentrum zu fahren und dem Fahrer während der Fahrt zuzurufen, dass man aussteigen möchte. Aber den Weg zur Cali-WG kenne ich mittlerweile sehr gut. Es ist immer ein kleines bisschen wie nach Hause kommen, wenn ich den Fuß über die Schwelle der WG setze. Ein vertrautes Zusammenleben mit bekannten Gesichtern, ein reges Austauschen wie die Arbeit so läuft, gemeinsames Kochen und am wichtigsten auch ein Stück Deutschland, wie ich es in Buga nicht so erlebe. Wenn jetzt das Dach der WG mal wieder ganz in Ordnung wäre und es nicht reinregnet oder eine Katze mitsamt der Decke runterkommt (für weitere Infos guckt mal bei den Blogs der Cali- Freiwilligen vorbei, die haben zurzeit sehr viel Spaß mit ihrem Dach) wäre es noch perfekter.

Ich besitze jetzt auch eine Cédula, also einen kolumbianischen Personalausweis, was ebenso ein Grund für meine regelmäßigen Fahrten nach Cali war. Jetzt bin ich also ganz offiziell für ein Jahr Bewohner Kolumbiens. 

Oft werde ich in Gesprächen gefragt wo ich lebe und wie meine Gastfamilie so ist und ich antworte immer das Gleiche: "Meine Gastfamilie ist super und ich bin mega zufrieden und glücklich da". Aber das Beste ist, das ist noch nichtmal eine Lüge, nur um einer unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen, sondern das ist wirklich der Fall. Ich habe unglaubliches Glück und bin schon ein richtiger Teil der Familie. Sie helfen mir, wo sie nur können und erklären mir bereitwillig Wörter und Gegebenheiten Kolumbiens und meine Gastschwester stellt mir regelmäßig Leute vor, sodass ich auch schnell Freunde hier finde. Gleichzeitig helfe ich hier tatkräftig im Haushalt mit, vor allem wenn ich nicht arbeiten muss, da ich es absolut nicht mag, komplett bekocht zu werden und und alles hinterher getragen zu bekommen. Vor zwei Wochen hatten wir ein großes Familienfest bei uns, weil meine Gastschwester 20 Jahre alt geworden ist und die gesamte Verwandtschaft meiner Gastmama angereist ist. Es war echt ein schöner Tag und ich habe unglaublich viel gelacht und gute Gespräche geführt, trotz meiner eingeschränkten Sprachkenntnisse. Ich habe sogar richtig schöne Willkommensgeschenke bekommen, womit ich wirklich überhaupt nicht gerechnet habe und was die Herzlichkeit der Kolumbianer nochmal verdeutlicht (aber keine Sorge Mama, du bleibst trotzdem die Beste ;D). Mittlerweile ist es auch schon fast zur Gewohnheit von meiner Gastmama und mir geworden, dass wir abends ungefähr noch eine halbe Stunde mit einem Kaffee zusammensitzen und uns über Gott und die Welt, das Leben und Essen in Deutschland, Reisen oder was uns sonst noch so einfällt unterhalten. Wir geniessen diese Gespräche beide sehr und mir hilft es gleichzeitig enorm mein Spanisch zu verbessern. 

Das ist übrigens die Straße, in der ich wohne. Die gesamte Stadt Buga besteht nur aus solchen flachen Einfamilienhäusern, die fast alle gleich aufgebaut sind. Der Boden ist überall gefliest und im Untergeschoss gibt es eine Garage für Motos oder ein Auto, denn diese werden hier praktisch ins Haus gefahren. Die Küche, der Waschbereich, ein Esstisch und eine Sitzecke sind meistens auch noch unten und die Schlafzimmer sowie das Badezimmer mit Dusche befinden sich dann im Obergeschoss. Meistens alles sehr schlicht und einfach gehalten und ohne viel Deko, aber das stört eigentlich überhaupt nicht.

Jetzt müsste es nur mit meiner Arbeit mal richtig laufen und dann wäre ich wirklich komplett zufrieden hier. Denn obwohl ich als erste Freiwillige hier in Kolumbien angekommen bin, arbeite ich bis jetzt immer noch am wenigsten, weil es hier in Buga einige organisatorische Probleme mit den Schulen gibt und ich deswegen bis jetzt nur an zwei Tagen in der Woche vormittags Englischunterricht gebe. Anfangs war die viele freie Zeit auch noch ganz angenehm, aber mittlerweile wird es etwas nervig und ich möchte endlich wieder etwas richtiges tun. Ich hoffe, dass ich dann nächste Woche endlich mit meinem Deutschunterricht anfangen kann, denn darauf freue ich mich schon sehr und mir haben auch schon vieleLeute geschrieben , die große Lust auf das Deutschlernen haben. 

weitere Dinge, die ich in den letzten Wochen festgestellt habe:

1. In Buga gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, weswegen mein Fahrrad mein bester Freund ist. Und auch wenn ich es nie für möglich gehalten habe, mein komplett chaotisches Fahren, was ich definitiv in Berlin schon drauf hatte, rettet mir hier regelmäßig den Arsch, denn man muss in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, die darüber entscheiden, ob du gleich von nem Moto oder Auto umgefahren wirst oder du heile die Kreuzung überquerst

2. Es gibt auf jeden Fall guten Kaffee hier in Kolumbien, aber trinken können die Kolumbianer den nicht. Wer denkt sich denn bitte aus, dass ein Kaffee am Abend eine gute Idee ist, aber man ohne einen gut in den Tag starten kann ? Ich als Kaffeesuchti bin von mir selber immer ganz überrascht, wenn ich den Tag überlebe ohne zum Zombie zu mutieren ;D. Es hat mich auch ganz drei Wochen gekostet, bis ich es geschafft habe, dass ich meinen Kaffee ohne mit Zuckerwasser vermischt oder Milch bekomme und auch jetzt gucken mich alle immer noch komisch an, wenn ich den Kaffee schwarz trinke...

3. Eine Gastfamilie hier zu finden ist alles andere als einfach und die Spontanität der Kolumbianer kann einem dabei ziemlich auf die Nerven gehen. Mir bleiben noch 5 Tage, um eine Gastfamilie für Jana zu finden, also drückt mir die Daumen, dass das alles klappt. 

4. Unterrichtsbeginn um 6:30 Uhr ist echt kein Zuckerschlecken 

5. Eine Gastfamilie ist echt perfekt, um die Sprache zu lernen und typisches Essen kennenzulernen. Gefühlt habe ich jetzt schon den Großteil der kolumbianische Küche probiert, denn sonderlich abwechslungsreich ist diese nicht, aber wirklich lecker 

6. Um sechs Uhr morgens Reis und Arepa essen ist echt nicht meins, da steige ich dann lieber wieder aufs Müsli um. Von den frischen Früchten hier, könnte ich mich jedoch den lieben langen Tag ernähren (hier gibts die besten Maracujas, Mangos und Ananas sowieso) 

7. Ich vermisse einen ordentlichen und großen Backofen, um mal wieder einen Kuchen zu backen 

8. Bei der Fahrt von Cali nach Buga empfiehlt es sich drauf zu achten, mit welchem Bus man fährt, ansonsten sitzt man doppelt so lange wie üblich dadrin und tuckert über jedes kleine Dörfchen.

9. Ein gewaltiger Stau kann aus einer planmäßigen einstündigen Busfahrt auch locker drei Stunden machen und dafür sorgen, dass man einen wichtigen Skypecall ausm Bus machen muss. Ist zwar machbar, aber definitiv nicht empfehlenswert 

10. Wer denkt, dass Clubs in Deutschland teilweise voll sind, der kann sich nicht vorstellen, wie es in Cali im Club aussieht. Eigentlich hast du gar keinen Platz, um dich richtig zu bewegen, kannst die Person hinter dir nicht erkennen, weil du dich nicht umdrehen kannst und du betreibst den ganzen Abend über nur regelrechten Schweißaustausch, weil es total warm und eng ist. Also ob ich mich daran im Laufe des Jahres gewöhnen werde und will, ist noch ne andere Frage. 

11. Ich habe ein Talent dafür, mich am heißen Auspuff eines Mopeds zu verbrennen bzw mir anderweitig Verletzungen zuzuziehen. Mein linkes Bein ist schon jetzt gezeichnet von meinem Jahr hier.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Jan Weinert (Freitag, 22 September 2017 13:04)

    Hallo P.......,
    schon erstaunlich, dass mich mein Kind auch nach 19 Jahren noch überascht. Gut geschrieben der Blog, sieht gar nicht so nach Dummschwätz LK aus :). Schön, dass es dir gut geht und dir nicht die Decke auf den Kopf fällt - sorry an die Cali WG. Die 5 € für das Phrasenschwein kannst du dir in 11 Monaten abholen :). Seit ich den Blog gelesen habe frage ich mich nun, wer denn DER Beste ist und ja ich weiß, ich komme dafür nicht in Frage :)
    Und jetzt noch mal für deinen ..... Vater: was ist Aprea?

  • #2

    Melina (Mittwoch, 18 Oktober 2017 09:17)

    Mara *-*,
    Endlich bin ich auch mal dazu gekommen, deine tollen Einträge hier durchzulesen. Bitte halte uns das kommende Jahr weiter so auf dem laufenden!
    Ich musste doch dezent bei deinem 11ten Unterpunkt lachen. Meintest du nicht auf Bali, dass das mit deiner Selbstverstümmelung auf der Insel nur ein kurzzeitig auftretendes Phänomen sei und sonst gar nicht so wäre?! :D
    Und nun bist du in Kolumbien und es geht so weiter. Daran musst du noch arbeiten :D