English Day und was schon zwei Monate ?

English Day- was zum Geier soll das denn jetzt schon wieder sein ? Dieser Tag fand am vergangenen Freitag in der Schule, an der ich hauptsächlich arbeite, San Clemente statt. Ehrlich gesagt, habe ich den Tag schon sehr herbeigesehnt, denn ich konnte langsam das Wort English Day nicht mehr hören. Aber von Anfang an:

Englisch wird hier als eher nebensächlich und nicht besonders wichtig angesehen, denn die Schüler denken, dass sie englisch hier nicht unbedingt brauchen, da sie Kolumbien ja sowieso nicht verlassen werden oder alle direkten Nachbarländer, bis auf Brasilien, auch spanisch sprachig sind. Dabei vergessen sie leider oft, dass die meisten Unis dann doch wieder englisch als Pflichtfach haben und sie dann alle ziemlich aufgeschmissen sind, da sie in ihrer Schulzeit nicht richtig gelernt haben. Auch verbauen sie sich dadurch die Chance später vielleicht doch mal ins Ausland zu gehen und dort Karriere zu machen und ich hab auch schon von einigen Leuten gehört, die mittlerweile in Kanada oder den USA leben. Aber dieses sehr klein Denken und sich schnell mit dem zufrieden geben, was man hat, gehört eben auch teilweise zur Mentalität der Kolumbianer. Um also das Bewusstsein für die englische Sprache zu fördern und um zu zeigen, dass es sich lohnt, diese Sprache auch wirklich ernsthaft zu lernen, haben wir den English Day durchgeführt, der eigentlich schon im Juli oder Anfang August stattfinden sollte, aber durch einen ewig langen Lehrerstreik, von fast zwei Monaten glaube ich, verschoben werden musste. Drei Mal dürft ihr raten, weswegen sie gestreikt haben. Richtig wegen des Gehalts, aber auch wegen der immer noch stark präsenten Korruption im Bildungssystem. Da gibt es Lehrer, die eine abgeschlossene Ausbildung an der Universität haben und im Falle vom Englischlehrer sogar englisch können, aber dann nicht die Möglichkeit haben, als Lehrer auch zu praktizieren, weil jeder Lehrer eine sehr strenge Prüfung präsentieren muss, um weiter als Lehrer zu arbeiten, wobei es jedoch ziemlich egal ist, wie gut du diese Prüfung ablegst, denn schlussendlich entscheidet der Prüfer einfach willkürlich, weswegen man dort auch gut bestechen kann, denn Lehrer ist trotzdem ein ziemlich angesehener Beruf hier in Kolumbien. Durch diese Korruption kommt es dann jedoch auch leider dazu, dass Lehrer unterrichten, die selber nur hello und goodbye auf englisch können oder dass einige Schulen auch komplett ohne Englischlehrer da stehen und die Schüler logischerweise erst recht kein Englisch können. 

An der San Clemente Schule habe ich jedoch das Glück, dass ich mit zwei Lehrerinnen zusammenarbeite, die auch englisch können und wissen wovon sie reden. Das macht das ganze sehr viel einfacher, organisierter und erfolgreicher. Nun zurück zum English Day. Durch diese Verschiebung war ich dann plötzlich mittendrin in den gesamten Vorbereitungen und wurde kräftig eingespannt und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie viele Texte ich den ganzen Monat vorher korrigiert habe, wie viele Audioaufnahmen ich gemacht habe, damit meine Schüler sich die Aussprache immer und immer wieder anhören können, um es zu üben oder wie oft ich mir die selben drei schief gesungen englischen Lieder angehört habe. Nebenbei bemerkt, ich bin regelmäßig beeindruckt, wie viel Selbstbewusstsein die Schüler hier teilweise haben, sich mit absolut nicht bühnentauglichen Stimmen auf die Bühne zu stellen und vor 300 anderen Leuten ins Mikrofon zu quaken. Und alle anderen feiern das dann auch noch unglaublich und finden den Gesang mega gut. Also um ehrlich zu sein, war von den ganzen fast dreißig Darbietungen, die ich jetzt auf der Schulbühne gesehen habe (in der San Clemente Schule ist eigentlich immer irgendein Fest) nur eine wirklich annehmbar und der Rest eher so höchstens für die Dusche zuhause geeignet. Aber gut, ich weiß ich bin gemein, aber darf bewundere ich die Schüler alle für ihren Mut trotzdem zu singen. 

Nachdem ich also schon parallel zu meinem normalen Englischunterricht immer mal wieder Sachen für den English Day gemacht habe und beiden Englischlehrerinnen mit Rat und Tat zur Seite stand, bin ich dann am Donnerstagabend nochmal zur Schule geradelt, um den Schülern und Lilian beim Dekorieren und Aufbauen zu helfen, denn es sollte ja auch alles perfekt werden, um zu zeigen, dass wir uns wirklich Mühe gegeben und Gedanken gemacht haben. Während ich also mit meinen Schülern ein riesiges Banner aufgehängt habe, hatte ich auch mal Zeit mich mit ihnen längere Zeit und abseits des Englischunterrichts zu unterhalten. Während wir also ein bisschen Small Talk auf spanisch betrieben haben, kam einer meiner 10. Klässler zu mir und fragte mich, wie spät es ist. Da dies eine wirklich einfache Frage ist, wollte ich, dass er dies auf englisch sagt und habe so getan, als ob ich kein spanisch könnte. Als er mir dann daraufhin spanisch beibringen wollte, meinte ich nur, dass ich nach über zwei Monaten, die ich mittlerweile hier bin, doch schon in der Lage bin ordentlich auf spanisch zu reden. Das Witzige an dieser Situation war dann aber eigentlich eher, dass besagter Schüler, der seit zwei Monaten von mir unterrichtet wird, der absolut festen Überzeugung war, dass ich erst seit ungefähr  15 Tagen in Kolumbien wäre. Manche Schüler haben echt nen Schaden und um das dann auch nochmal unter Beweis zu stellen, fragte mich einer auf spanisch, ob ich denn auch deutsch sprechen würde... Woraufhin ich mir eine vor Ironie triefende Antwort nicht sparen konnte. Manchmal darf man die Kolumbianer einfach nicht zu ernst nehmen, denn sie machen sich einen Spaß daraus, Ausländer zu veraschen.

Am Freitag war dann also der große Tag wirklich gekommen und alle Schüler trafen die letzten Vorbereitungen. Was jetzt richtig besonders und aufregend klingt, war an sich jetzt nicht so mega speziell. In Deutschland hätte man das vermutlich mit drei Wochen Vorbereitung auch locker hinbekommen und keine vier Monate benötigt, aber das sind eben die Unterschiede. Es gab kleine Stände, an denen jeweils vier bis sechs Personen ein englischsprachiges Land vertreten haben und typisches Essen serviert haben und dazu auf englisch erklärten, wie dies zubereitet wird. An einem anderen Stand wurde die USA vorgestellt oder das Alphabet wiederholt. Nach ungefähr 1 1/2 h und einem guten Gespräch was ich mit meinen besten Schülern dann sogar auf englisch führen konnte, startete das Bühnenprogramm. Dafür hatten wir richtige Reden vorbereitet, die dann sowohl auf englisch als auch auf spanisch gehalten wurden  und vor allem die Personen, die auf englisch reden sollten waren unglaublich nervös. Aber mal ehrlich, es wäre eigentlich komplett egal gewesen, was sie jetzt gesagt hätten, denn zum einen ist die Soundanlage echt nicht die Beste, sodass man Schwierigkeiten hat, überhaupt was zu verstehen und dann kann bis auf Lilian, Sandra ( die beiden Englischlehrerinnen) und mir, ja sowieso keiner richtig Englisch, sodass man keinen Fehler bemerkt hätte. 

Damit die anderen sich dann auch nicht langweilen, hatten wir auch ein Theaterstück auf Englisch vorbereitet, wobei richtig mit Kostümen und Requisiten gearbeitet wurde und eine Abwandlung von "America's Got Talent". Die Grundschüler kamen auch zum Zug und haben ein kleines Begrüßungslied auf Englisch präsentiert, was ziemlich süß war. Da wir zwischendrin öfter mal technische Probleme hatten, wurde mir dann plötzlich mal das Mikro in die Hand gedrückt und gesagt: "Mara, du kannst Englisch. Improvisiere mal und rede nen bisschen auf Englisch !" Dann stand ich also plötzlich auf der Bühne vor diesen 300 wartenden und leicht genervten Schülern und sollte mir mal plötzlich was lustiges auf englisch aus den Rippen leiern. Irgendwie habe ich dann auch diese Zeit überstanden und eigentlich war es ein sehr schöner Tag und wir haben von allen viel Lob für die Organisation etc. bekommen. Wobei ich jedoch nicht glaube, dass dieser English Day jetzt viel an der Einstellung der Schüler zum Englischen geändert hat, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. 

Eine Sache wird mir hier auch immer wieder bewusst, wir können uns in Deutschland echt glücklich schätzen mit unserem Schulsystem (was aber auch keinesfalls perfekt ist), denn wir haben größtenteils die Chance auf guten Englischunterricht und ein gute Schulausbildung, wodurch ich uns unglaublich viele Türen und Möglichkeiten offen stehen. Ob wir sie dann nutzen bleibt jedem selber überlassen, aber wir haben überhaupt erstmal die Chance uns zu entscheiden und unseren Weg zu finden, was hier in Kolumbien meist gar nicht erst der Fall ist. 

Und damit, hasta pronto und der nächste Eintrag ist schon halb in Arbeit, denn zurzeit passiert echt unglaublich viel....

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0